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Ärztliche Praxis und wissenschaftlicher Status der Medizin
Author(s) -
Peter F. Matthiessen
Publication year - 2006
Publication title -
complementary medicine research
Language(s) - German
Resource type - Journals
eISSN - 2504-2106
pISSN - 2504-2092
DOI - 10.1159/000093314
Subject(s) - philosophy , political science , sociology
MENTARMEDIZIN vorgestellt und begrundet. Im Zuge des Anliegens eines verstarkten Praxisbezugs wurdigen sie die Rolle des Einzelfalls fur die Erkenntnisgewinnung in der Medizin und ermuntern Praktiker aller Richtungen, lehrreiche und aussagekraftige Fallberichte einzureichen. Denn, so die Autoren: «In jedem Fall beginnt und endet die wissenschaftliche Bemuhung um Erkenntnis in der Praxis bzw. am Einzelfall». Diesen Faden mochte ich aufgreifen und die Frage nach der Rolle der Wissenschaft in der Medizin und nach dem wechselseitigen Verhaltnis von Wissenschaft und Praxis weiter verfolgen; denn daraus leiten sich weit reichende Folgen fur den Stellenwert der Praxis und fur das professionelle Selbstverstandnis von Arzt und Therapeut ab. Im Gegensatz zur Freiheit in der Wahl der Problemstellung als einem zentralen Element der Wissenschaftsfreiheit entspringt arztliches Erkennen und Handeln keiner frei gewahlten Aufgabenstellung, sondern der Konfrontation mit einem von aussen vorgegebenen Problem, das es im Hier und Jetzt zu losen gilt. So unverzichtbar Wissenschaft und Forschung fur die Weiterentwicklung der Medizin und der diagnostischen und therapeutischen Moglichkeiten des Arztes auch sind, konstitutiv fur die Medizin ist ein explizit oder implizit geausserter Behandlungsauftrag des Patienten; Ausgangspunkt ist die einer zwischenmenschlichen Begegnung entstammende Erfahrung einer Notsituation und die daraus resultierende Selbstverpflichtung zur bestmoglichen Hilfestellung. Hierzu braucht der Arzt die Ergebnisse regelwissenschaftlicher Forschung wie die Luft zum Atmen. Aber Wissenschaft ist fur ihn nie Selbstzweck, sondern legitimiert sich in dem Masse, als sie bei der Betreuung seiner individuellen Patienten von Wert ist. Das macht deutlich, dass sich das Verhaltnis von Wissenschaft und Praxis in der Auffassung der Medizin als einer angewandten Wissenschaft nicht kongruent abgebildet findet. Denn insoweit sich die Medizin als angewandte Wissenschaft versteht, fokussiert sich ihr Interesse auf die Gewinnung und Berucksichtigung allgemeiner Gesetzmassigkeiten und Regeln. Was sie anstrebt, ist ein vom Erkenntnissubjekt emanzipiertes formales Wissen vom Typus eines «Know what», mit dem idealerweise wertneutrale kausale Erklarungen von Ereigniszusammenhangen gewonnen werden. Ihr Mehrwert fur die Praxis ist die Bereitstellung von moglichst gut gesichertem Regelwissen. Kriterien fur dessen Anwendung im konkreten Fall lassen sich jedoch nicht innerhalb dieses Ansatzes selbst finden. Denn, und das wusste schon Kant: «Es gibt keine Regeln, wie man Regeln richtig anwendet.» Was also ist die Rationalitatsgrundlage der arztlichen Praxis? Auf welcher Basis erfolgt die Transformation theoretischen und uberwiegend probabilistischen Wissens in die Faktizitat arztlichen Handelns am unaustauschbaren Fall in einer nicht wiederholbaren Situation? Diese Frage findet sich aber in der Definition und im Selbstverstandnis der Medizin als angewandte Wissenschaft in naiver Selbstverstandlichkeit ubergangen und so einem unreflektierten Pragmatismus uberlassen – mit der Gefahr, dass sich der Erwerb praktischer Kompetenz in der Ubernahme von Handlungsgewohnheiten und der Aneignung von Berufstricks erschopft. In einer gerade auch fur Praktiker hochst lesenswerten medizintheoretischen Untersuchung zum Diagnosebegriff zeigt Wolfgang Wieland [2] auf, dass der Medizin nicht der Status einer angewandten, sondern derjenige einer praktischen Wissenschaft zukommt, die als solche gefordert ist, die Begrundung und Rechtfertigung ihres Handelns innerhalb ihrer selbst zu leisten. Den Ergebnissen regelwissenschaftlicher Forschung kommt fur die Praxis stets nur Werkzeugcharakter, eine wiewohl unverzichtbare Hilfsfunktion zu. Das gilt auch fur die Elaboration einer jeden Krankheitslehre und fur die Erstellung einer Diagnose. Sie sind nicht Selbstzweck, son-

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