Gabriele Melischek / Josef Seethaler / Jürgen Wilke (Hrsg.) (2008): Medien & Kommunikationsforschung im Vergleich. Grundlagen, Gegenstandsbereiche, Verfahrensweisen. Wiesbaden: VS
Author(s) -
Hans J. Kleinsteuber
Publication year - 2009
Publication title -
medien and kommunikationswissenschaft
Language(s) - German
Resource type - Journals
ISSN - 1615-634X
DOI - 10.5771/1615-634x-2009-3-385
Subject(s) - art , humanities , philosophy , political science
In der Kommunikationswissenschaft ist der Vergleich angekommen. Winfried Schulz stellt in seiner Keynote fest: „ Insoweit sich Kommunikationswissenschaft als Sozialwissenschaft versteht und da der Vergleich sowieso für alle Wissenschaft konstitutiv ist, gilt also auch: Alle Kommunikationswissenschaft ist Komparatistik und jeder Kommunikationswissenschaftler ist ein Komparatist...“ (S. 19) Wer Schulz folgt, der erfährt, dass bereits die Methode des kontrollierten Experiments dazu zählt, oder eine segmentierte Auswertung von Umfragen. Klar, der Vergleich ist eine Alltagspraxis (Äpfel und Birnen ...), er kommt auch in vielen empirisch-sozialwissenschaftlichen Methoden vor. Aber dieser Strang sollte deutlich getrennt werden von dem, was international unter comparative media studies geführt wird. Denn dabei geht es immer um grenzüberschreitende Vergleiche, die sich mit klar geschiedenen Untersuchungsgegenständen beschäftigen. Meist wird es sich um Staaten handeln, aber natürlich sind auch Märkte, kulturelle Gemeinschaften etc. vergleichbar. Diese Art Vergleich folgt ganz eigenen Regeln. Da haben Melischek/Seethaler/Wilke recht, wenn sie in ihrer Einführung zu Beginn 1) die Entgrenzungsfunktion nennen: „Etwas vergleichend zu untersuchen, verlangt zunächst einmal, über einzelne Fälle und nationale Grenzen hinauszugehen.“ (S. 10) Sie zählen weitere Funktionen des Vergleichs auf: 2) Kontrastierungs-Funktion (unterschiedliche Fälle, z. B. „viel“ gegen „wenig“); 3) Relativierungs-Funktion (vermeiden der Universalisierung des Eigenen), 4) Verallgemeinerungs-Funktion (die Möglichkeit, zu gesetzmäßigen Aussagen zu gelangen); 5) Erklärungs-Funktion (Ursachen von Unterschieden erklären) (vgl. S. 10f.); 6) Alternativen-Funktion: „Internationale Vergleiche ... zeigen potenziell auch Alternativen für das praktische Handeln, soweit man Anregungen oder Ratschläge dazu von der Wissenschaft erwartet.“ (S. 11) Danach werden in diesem voluminösen Werk (480 Seiten) vor allem Erträge vorgestellt, insgesamt zwanzig, gebündelt nach den Stichworten Mediengeschichte (Stöber, Seethaler/ Melischek), Mediensysteme (Schneider, Haas/ Wallner), politische Kommunikation (Pfetsch/ Maurer, Esser), Wahlkampfkommunikation (Plasser, Reinemann), Öffentlichkeit (Lamp, Weßler), Internationale Kommunikation (Wilke, Hanitzsch), Journalisten (Donsbach, Fröhlich), Rezeption und Nutzung (Bucher, Klingler/Turucek), Medienvergleich (Bonfadelli/ Marr, Dahlem), Methoden (Rössler, Karmasin/ Pitters). Die Erträge erweisen sich naturgemäß als breit gestreut. Nur einige Beispiele: Pfetsch/ Maurer setzen sich in Fortsetzung der deutschamerikanischen Vergleiche von Kommunikationskultur (angestoßen von political cultureForschung) mit „politischen Kommunikationsmilieus“ auseinander. Fritz Plasser, ebenfalls ein guter Kenner der US-Szene, sieht im amerikanisch-europäischen Vergleich bei den Wahlkampfakteuren erhebliche Unterschiede, bei der redaktionellen Verarbeitung der Wahlkämpfe allerdings erstaunlichen Gleichklang, als folge sie einer transnationalen Nachrichtenlogik. Wolfgang Donsbach, der seit Jahrzehnten vergleichende Journalistenforschung betreibt, weicht von früheren Positionen ab und sieht so etwas wie einen „global journalist“ (S. 286) heraufdämmern. Jürgen Wilke präsentiert eine Metastudie zur Nachrichtenberichterstattung im internationalen Vergleich; er unterstreicht, dass es sich um ein altes und traditionsreiches Thema handelt, bei dem gilt: „Statistische Erklärungen tendieren zu einer Reduktion, kulturelle und historische rekurrieren eher auf die Komplexität zugrunde liegender Umstände.“ (S. 250) Mit bedenkenswerter Selbstkritik beschreibt Romy Fröhlich ihre Herangehensweise, sieht in der vergleichenden Forschung das Problem einer „forschungspragmatischen Sackgasse“ (S. 304) und benennt einen möglichen Ausweg. Sie arbeitete bei ihren Untersuchungen zur Journalistenausbildung mit einem Korrespondentensystem, bei dem anerkannte Kenner in den einzelnen Ländern berichten, denen auch der so wichtige Blick auf die Hinterbühnen gelingt. Einige der referierten Beiträge lassen aber diese komparative Gelassenheit vermissen, machen sich zu wenig Gedanken über Äquivalente, vergleichen z. B. Statistiken, ohne zu prüfen, ob die wirklich vergleichbar sind, und kommen zu Ergebnissen, die eher stereotype Aussagen über den Rest der Welt transportieren als differenzierte Auskünfte zu geben. Manche der hier präsentierten Ansätze sind isoliert vom internationalen Austausch entstanden, eine Frage wurde zuerst für Deutschland/Mitteleuropa geklärt, dann auf andere Staaten ausgeweitet. Literatur · Besprechungen
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