Aus Erfahrung innovativ! Der Lern- und Innovationsmodus im Handwerk - Am Beispiel von Orgel und Lehm
Author(s) -
Benjamin W. Schulze,
Jörg Thomä
Publication year - 2018
Publication title -
goescholar the publication server of the georg-august-universität göttingen (georg-august-universität göttingen)
Language(s) - German
DOI - 10.3249/2364-3897-gbh-20
Subject(s) - political science , humanities , art
Kleine Handwerksunternehmen innovieren anders als grose Industrieunternehmen. Das implizite Erfahrungswissen der einzelnen handwerklichen Konner bildet fur diese Betriebe die zentrale Innovationsgrundlage. Da sich Handwerker solches Wissen vorwiegend im Zuge partizipativer und interaktiver Lernprozesse aneignen, kommt die vorliegende Untersuchung zu dem Schluss: Wer im Handwerk nicht mit anderen Akteuren interagiert, lernt schlichtweg nicht viel Neues und bringt sich um zentrale Innovationspotenziale. Diese jedoch sind entscheidend fur die Sicherung der langfristigen unternehmerischen Wettbewerbsfahigkeit. Ausgehend von der zentralen Hypothese, dass Handwerker mit ihrem Erfahrungswissen uber ein intrinsisches Innovationspotenzial verfugen, befasst sich der vorliegende Beitrag mit dem institutionellen Kontext des Zusammenhangs aus erfahrungsdominiertem Lernen und Innovieren am Beispiel von zwei ausgewahlten Handwerksbereichen: dem traditionsreichen Orgelbau und dem erst seit den 1980er Jahren wiederbelebten Lehmbau. Die Untersuchung zeigt erstens, welche institutionellen Rahmenbedingungen in den beiden Handwerksbereichen Einfluss auf Innovationsprozesse nehmen und, zweitens, an diesen beiden Beispielen, inwiefern das deutsche Handwerk uber geeignete Institutionen der Wissensteilung verfugt. Zu diesem Zweck identifiziert die qualitative Untersuchung im Sinne einer Anreiz- und Hemmnisanalyse innovationsfordernde und -hemmende Elemente des institutionellen Arrangements und formuliert, drittens, erste Empfehlungen fur eine auf die Bedurfnisse von Handwerksbetrieben abgestimmte Innovationsforderung. Wissensteilende Interaktionen zwischen Menschen und zu Handwerksobjekten bilden einen zentralen Dreh- und Angelpunkt fur die inkrementell ablaufenden Innovationsprozesse im Handwerk. Innovationen entwickeln sich stets im Kontext solcher zwischenmenschlichen Interaktionen, die im Falle der untersuchten Handwerksbereiche sieben zentrale Akteursgruppen involvieren. Lernorte im Handwerk sind somit immer auch Interaktionsraume. In den vergangenen Jahren weist der Betrieb als der bedeutungsvollste Interaktionsraum allerdings Tendenzen auf, die die Lern- und Innovationsprozesse mittel- und langfristig negativ beeinflussen werden: Denn die entsprechenden Interaktionsraume schrumpfen und eine zunehmende zwischenbetriebliche Kooperation vermag diese Entwicklungen bislang nicht ausreichend zu kompensieren. Damit dies gelingt, bedarf es der Etablierung neuer uberbetrieblicher Interaktionsraume im Handwerk, die weitgehend wettbewerbsneutral und barrierefrei gestaltet sind. Diese dienen nicht nur zur Substituierung, sondern konnen daruber hinaus bisher ungenutzte Innovationspotenziale aktivieren. Zukunftige Forschungsanstrengungen sollten sich der Aufgabe widmen, hierfur den Entscheidungstragern in Politik und Handwerksorganisation geeignete Wege aufzuzeigen. Gelingt die Etablierung der Interaktionsraume in der Praxis, dann gilt im Handwerk auch weiterhin: Aus Erfahrung innovativ!
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